Was ist der Wert von Persönlichkeit in einem Zeitalter von KI?

In einer Welt voller generischer Inhalte gewinnt, wer er selbst bleibt. Warum Persönlichkeit durch KI an Bedeutung gewinnt – in Social Media, Hollywood und überall dort, wo Menschen Menschen folgen.

Hannes Dollinger

7/7/20263 min read

Die große Angst vor KI klingt oft so, als würden wir bald alle ersetzt werden. Texte, Bilder, Stimmen, Videos, Beratung, Service, Unterhaltung. Kann die KI alles!

Dabei übersehen wir einen einfachen Punkt: Der Wert entsteht für uns Menschen sehr oft durch Persönlichkeit, Haltung, Vertrauen. Vor allem dort, wo Menschen direkt mit Menschen zu tun haben. In der Pflege, bei Ärzten, in sozialen Berufen, aber auch in einem ganz normalen Servicecenter. Wenn ich ein Problem habe, will ich am liebsten mit einem Menschen sprechen. Mit jemandem, der zuhört, der freundlich bleibt, der meine Situation versteht und mir wirklich hilft.

Am deutlichsten sehe ich es aber in Social Media. Überall erzählen uns sogenannte KI-Experten, wie man faceless Channels baut, endlosen Content produziert und damit angeblich Reichweite oder Geld verdient. Ehrlicherweise: In meinen Feeds sehe ich diese faceless Channels kaum. Vielleicht scrolle ich sie auch einfach weg. Die Experten, die uns diese Kanäle verkaufen, machen es ja selbst anders. Sie setzen sich vor die Kamera. Sie sprechen mit ihrem Gesicht, ihrer Stimme, ihrer Art. Ihr Geschäftsmodell hängt an ihrer Persönlichkeit. Genau das ist der Punkt.

Menschen folgen Menschen. Wir wollen wissen, wer etwas sagt, warum jemand so denkt und ob wir dieser Person vertrauen. Das ist schon so, seit meine Oma die Bunte gelesen hat, um zu erfahren, wie die es der ach so unglücklichen Lady Diana geht, der Bürgerlichen im Königshaus. Eine menschliche Tragödie.

Persönlichkeit gibt Reibung, Wiedererkennung und Bedeutung. Ein Video kann technisch perfekt sein und trotzdem an uns vorbeilaufen. Ein anderes kann einfacher produziert sein, aber hängen bleiben, weil da jemand spricht, der etwas Eigenes hat.

Im Kino ist das genauso. Ein Brad-Pitt-Film ist ein Brad-Pitt-Film, weil Brad Pitt darin mitspielt. Klar gibt es auch künstliche Figuren, die riesig funktionieren. Homer Simpson, die Minions, Buzz Lightyear. Das hat alles seinen Platz. Aber die Verbindung zu solchen Figuren ist eine ganz andere. Ein menschlicher Schauspieler bringt eine andere Form von Nähe mit. Wir verbinden Rollen mit Gesichtern, Stimmen, Biografien und öffentlicher Wirkung. Eine Scarlett Johansson lockt Menschen ins Kino, weil sie die Black Widow spielt.

Überhaupt ist das Marvel Universum ein gutes Beispiel: Das ist jetzt schon zur Hälfte im Greenscreen produziert und zur anderen Hälfte im Computer. Die könnten sich Millionen sparen, wenn sie statt Robert Downey Jr. und Tom Holland einfach irgendwen den Spiderman spielen lassen würden. Aber eine Spiderman Cartoon Serie hat eben nicht so viel Erfolg wie der Real Life Actionfilm mit Tom Holland.

Beispiel: In Thor: Tag er Entscheidung sieht der asgardische Gott Loki ein Theaterstück, in dem seine eigene Geschichte aufgeführt wird. Loki, gespielt von Tom Hiddleston, sieht sich selbst auf der Bühne. Gespielt wird er von keinem geringeren als Matt Damon. Das alleine reicht schon, um die Fans zu verzücken. Wenn man jetzt aber noch weiß, dass Matt Damon in dem 1999er Film Dogma von Kevin Smith schon den gefallenen Engel Loki spielt, hat man ein waschechtes Easter Egg, das für Begeisterung und Diskussion auf der nächsten Comic Con sorgt.

Der Animationsfilm Zoomania könnte technisch von vielen talentierten Sprecherinnen und Sprechern vertont werden. Trotzdem stehen auf dem Plakat bekannte Namen wie Jason Bateman, J.K. Simmons oder Shakira. Auf Premieren, in Interviews, auf Social Media und im Kopf des Publikums sind diese Rollen mit Persönlichkeiten verbunden. Die Stimme ist Teil der Figur, aber die Persönlichkeit dahinter gibt dem Ganzen zusätzliche Aufmerksamkeit.

Darum wird Persönlichkeit in einer KI-Welt sogar wichtiger werden. Hollywood weiß das. Wie etwas produziert wurde, ist für die meisten Menschen zweitrangig. Ob Kamera, 3D, Greenscreen oder KI: Am Ende zählt, ob uns etwas erreicht. Christopher Nolan hat seine Fans, weil er echte Bilder liebt. Das ist das Verkaufsargument eines Christopher Nolan Films. Marvel hat auch seine Fans. “Echt produziert” wird das aber schon lange nicht mehr. Nur die Schauspieler sind noch echt. Und werden es auch bleiben.

KI wird Content vervielfachen. Aber gerade dadurch steigt der Wert von allem, was eindeutig menschlich ist. Haltung. Geschmack. Humor. Verletzlichkeit. Charme. Vertrauen. Eine Art, die man wiedererkennt, wird immer über dem Sumpf von generischem Content stehen. Unabhängig ob damit auch jemand Geld verdient.

Social bleibt. Persönlichkeit bleibt. Und das ist meine Antwort auf die Angst, dass KI uns alle ersetzen wird. Wer austauschbar kommuniziert, wird in einer Welt voller automatisierter Inhalte schneller verschwinden. Wer eine eigene Stimme hat, wird sichtbarer.